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Pressemitteilungen

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50 JAHRE GELEBTE INKLUSION

[…] Gerade jetzt, beim Jubiläum des Lehenhofs, wurde darauf hingewiesen, dass die heute so gerne bemühte Inklusion auf dem Lehenhof schon seit 50 Jahren praktiziert wird. Bei einem Gespräch mit einem der geschäftsführenden Vorstände, Albrecht Römer, zur Lage des Lehenhofs antwortet Römer: „Dazu ist zu sagen, dass ein großer Teil des Arbeitsbereichs im Gewerbegebiet Deggenhausen angesiedelt ist und es auch enge Kontakte mit der benachbarten Firma Sonett gibt, für die wir auch arbeiten.“ Im Wohnbereich sei das nur wenig anders. In Lichtenegg, auf dem Lindenhof, ist die Dorfgemeinschaft eng mit der Gemeinde Illmensee verbunden. Auf dem Lehenhof selber gibt es eine gewisse Dichte der Menschen mit Behinderung. Wobei nur etwa die Hälfte der Menschen, die dort leben, ein Handicap haben. Allein das Leben in den Hausgemeinschaften sei ja schon Inklusion.

Die Söhne von Römer sind mit sechs bis acht Betreuten groß geworden. Die Kinder, die auf dem Lehenhof aufwachsen können und dürfen, sind ein ganz wesentlicher Punkt der Inklusion. Hinzu kommen die menschlichen Beziehungen, die sich aus dem jahrelangen Zusammenleben ergeben. Römer ist davon überzeugt, dass man in 20 Jahren über Inklusion anders denken wird als heute. In 20 Jahren könne sich der Lehenhof sogar mit seinen Veranstaltungen zu einem gewissen Mittelpunkt entwickelt haben. „Andererseits, um auf die Frage zurückzukommen, sind die Dörfler ja auch in der Vergangenheit und heute in Deggenhausertal weitgehend eine Selbstverständlichkeit; ob beim Fußball oder bei den Festen und Musikveranstaltungen“, so Römer […]

Wolf-Dieter Guip (Südkurier, Frohe Weihnachten 2014, 24. Dezember)

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WEIHNACHTLICHES VOM LEHENHOF

Eine gute Möglichkeit, sich mit originellen und praktischen Weihnachtsgeschenken einzudecken, bot sich beim großen Adventsbasar am Samstag in den Lehenhof-Talwerkstätten in Deggenhausen. Fast ausschließlich Produkte aus eigener Produktion waren in den Räumlichkeiten prächtig präsentiert worden. Darunter pflanzengefärbte Seidenschals, handgewebte Tischdecken oder Teppiche, Kaminanzünder, Vogelhäuschen, Schreibhefte, stimmungsvolle Weihnachtskarten und vieles mehr. Gegrillte Würstchen, Raclette von gutem Lehenhofkäse, Waffeln, Kaffee und Kuchen und stimmungsvolle Adventsmusik der Lehenhof-Bläsergruppe rundeten das Angebot ab. Im heimelig gestalteten Basar bereiteten die Nachbarn der Werkstätten, Barbara und David Fuchs, gebrannte Mandeln zu […]

An etwa 20 Ständen wurden allerlei weihnachtliche Accessoires angeboten. Nebenan in der Holzwerkstatt hat Lisa Kraus aus Deggenhausen, mit Hilfestellung von Werkstattleiter Wolfgang Malinowski, eine Futterstelle für Vögel gebastelt. Sabine und Pierre Kraus freuten sich über die Geschicklichkeit ihrer Tochter. Und ein paar Schritte weiter befand man sich plötzlich in einem völlig neuen, hellen Gebäudeteil. Die Lehenhof-Blasmusik begeisterten hier die Gäste. Irmgard, der ehemalige Mitarbeiter Volkmar, Norbert, Andreas Evelyn, Tanja und Michael spielten einige weihnachtliche Weisen. Später gab es an dieser Stelle Volkstänze nicht nur zum Anschauen, sondern zum Mittanzen und Weihnachtslieder singen für alle.

Inoffiziell war es die Einweihungsfreier für den neuen Anbau, der erst tags zuvor fertig geworden war. Die umfangreichen Vorbereitungen für den Adventsbasar hatten es nicht zugelassen, gleichzeitig auch noch eine offizielle Feier zu organisieren. Wo früher das Sägewerk war und noch bis vor etwa einem Jahr das Holzlager, ist ein gut 120 Quadratmeter großer Raum entstanden, der sich hell und freundlich präsentiert. „Wir haben hier jetzt einen sehr ansprechenden Raum, in dem das Frühstück und Mittagessen außerhalb der Werkstätten eingenommen werden kann“, berichtet einer der Werkstattleiter, Eberhard Schwerdtner. Außerdem können Dörfler und Mitarbeiter dort in Ruhe auf den Bustransfer zum Lehenhof warten. Da der Raum von den Werkstätten getrennt ist, bestehe auch die Möglichkeit, dort Veranstaltungen durchzuführen. Eine ebenso sinnvolle wie langfristig wirkende Investition in den Lehenhof-Talwerkstätten am Ziegeleiweg in Deggenhausen.

Wolf-Dieter Guip (in: Südkurier, 16.12.2014, S.20)

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EIN DORFIMPULS FÜR DIE BEGEGNUNG

So reich und vielfältig ist das Leben auf dem Lehenhof, dass selbst eine Besichtigung von mehreren Stunden nicht genügt, um es in ganzer Tiefe zu durchdringen. Auf der Suche nach Möglichkeiten, ihrer Tochter ein beteiligtes Leben in Würde zu ermöglichen, lernte das Ehepaar Peill-Meininghaus in den 60er-Jahren den Arzt und Heilpädagogen Dr. Karl König kennen. Dieser war 1938 nach Schottland emigriert und hatte dort die anthroposophisch geprägten Camphill-Gemeinschaften gegründet. Aus der Begegnung der beiden späteren GLS-Bank-Mitbegründer mit Dr. Karl König entstand letztlich der Lehenhof, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Noch immer wird hier erfolgreich ökologische Landwirtschaft mit einem sozialtherapeutischen Ansatz vereint. „Unser Gründer hat es so ausgedrückt, dass aus diesen beiden Impulsen etwas Neues, Drittes entsteht: der Dorfimpuls“, sagt der Vorstand Albrecht Römer, der hier seit 34 Jahren lebt und sich ganz dafür einsetzt, dass dieser Impuls weiter fruchtbar wird.

Das Dorf ist stetig gewachsen – auf heute 350 Menschen. Und mittlerweile gibt es zwölf Camphill-Gemeinschaften in Deutschland, weltweit sind es gar über hundert. Hier begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderungen auf Augenhöhe und haben am Gemeinschaftsleben teil. Für Albrecht Römer ist die Leitfrage stets die gleiche geblieben: „Wie gestaltet man das Gemeinschaftsleben so, dass es den Bedürfnissen und Notwendigkeiten seiner Mitglieder entspricht und sich zugleich jeder nach seinen Möglichkeiten in die Gemeinschaft einbringen kann?“

Obwohl der Lehenhof mit seinem inklusiven Ansatz seiner Zeit voraus war und inzwischen die politischen Vorstellungen zur Inklusion trifft, hat er mit neuen Vorschriften zu kämpfen. An Ideen, dem Leben auf dem Lehenhof neue Impulse zu geben, fehlt es allerdings nicht. So könnten Schülerpraktikanten das Leben noch mehr bereichern. „Wir bilden ja hier das gesamte Leben ab – von der Wiege bis zur Bahre. Das ist gerade für so junge Menschen wirklich ein Erlebnis in der persönlichen Entwicklung“, so Albrecht Römer zu den bislang eher kurzen Aufenthalten der Schülerinnen und Schüler. Auch wenn es für solche Ideen oft bürokratische Hindernisse gibt – davon lassen sich die Lehenhofer nicht schrecken. „Die Bürokratie darf das Leben nicht abwürgen“, findet Römer. Denn das Leben, es steht im Mittelpunkt auf dem Lehenhof: „Uns ist es wichtig, dass hier alle ihre Biographie leben können!“

Saskia Geisler, in: Bankspiegel 3+4/2014

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LEHENHOF HAT SICH GROSSARTIG ENTWICKELT

 

 Auf einen Kaffee mit Albrecht Römer … über die Weiterentwicklung der Camphill-Dorfgemeinschaft

[...] Ein Problem auf dem Lehenhof ist die Alterung der Menschen und in diesem Zusammenhang der zunehmende Pflegebedarf. Wie werden Sie dieses Thema lösen?

Ich möchte das eine Herausforderung nennen, der wir Schritt für Schritt versuchen zu begegnen, zum Beispiel mit einem Neubau, der zum Teil darauf ausgerichtet wird. Und die Herausforderung ist auch, dass es für die jüngeren Menschen mit Behinderung nicht wie ein Altersheim wirkt. Auf die Älteren und die Jüngeren gleichermaßen Rücksicht zu nehmen ist die Aufgabe. Ich sehe darin einen Sachverhalt, dem die gesamte Gesellschaft gegenübersteht.

Bei Pflegeberufen gibt es in Deutschland einen großen Mangel. Woran liegt das und wie gewinnen Sie neues Personal für den Lehenhof?

Zunächst einmal sind wir Gesellschafter bei der Camphill-Ausbildung in Frickingen. Dort wurde eine eigene Schule aufgebaut. Wir haben seit 35 Jahren am Lehenhof ein Seminar als Vorläufer dieser Schule. Parallel dazu bieten wir eine eigene Ausbildung für die Landwirtschaft und die Gärtnerei. Ausbildung ist seit jeher ein ganz wichtiges Thema. Wir versuchen attraktive Arbeitsverhältnisse zu schaffen und zu erhalten. Die Problematik ist, dass im Verhältnis zu industriellen und kaufmännischen Berufen, die Pflege unterbezahlt ist. Mit einem einzelnen Gehalt kann man keine Familie unterhalten, da müssen beide arbeiten.

Wie würden Sie einen jungen Menschen motivieren, einen Pflegeberuf zu erlernen?

Er erfährt viel Menschlichkeit und bekommt viel zurück, mehr als in anderen Berufen.

Was sollte jemand mitbringen, der in diesem Bereich arbeiten möchte?

Das Interesse an der Entwicklung des anderen Menschen und an der eigenen Entwicklung. Das wächst auch, wenn es einem Spaß macht.

Wo sehen Sie den Lehenhof in 20 Jahren?

Das Thema Inklusion wird weiter entwickelt sein, auch bei uns. Hier werden auch Menschen leben, die weder Mitarbeiter noch Betreute sind. Die Einbindung der Werkstätten im Gewerbegebiet Deggenhausen wird sich deutlich verstärkt haben. Und der landwirtschaftliche Betrieb in Lichtenegg wird durch den Stall, in dem 60 Kühe gehalten werden, auf die Landschaft am Höchsten ausstrahlen. Möglicherweise werden sich bestimmte Handwerks- und Gewerbeformen an den Lehenhof angliedern. Es können sich möglicherweise einzelne Bereich verselbständigen und andere hinzukommen. Eine Aufgabe für die Stiftung könnte auch sein, dass man Künstler unterstützt, die sich ansiedeln, oder auch ein Gästehaus baut. Es ergeben sich Möglichkeiten, die Dorfgemeinschaft in die Unternehmensentwicklungen vor Ort einzubeziehen. Viele Menschen mit Behinderung strahlen eine Sozialität aus, die die Zusammenarbeit fördert und auch damit auch die Einrichtung.

(aus: Südkurier Nr. 201, 01.09.2014)

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 AUFWACHSEN IN INKLUSIVER GEMEINSCHAFT

 

Auf einen Kaffee mit … Julian und Raffael Römer, die auf dem Lehenhof aufgewachsen sind

[…] Was haben Sie – aus Ihrer Erinnerung heraus – empfunden, als Sie feststellten, dass die Dörfler „anders“ sind?

Raffael: Vielleicht, wenn ich schlechte Erfahrungen gemacht hätte, hätte ich etwas empfunden. Aber ich war zufrieden mit der Situation. Es war immer viel los. Viele Menschen. Man hinterfragt ja auch nicht den eigenen Bruder.

Sind die Dörfler wirklich „anders“ oder ist das „nur“ eine Hilfsbezeichnung der Gesellschaft gegenüber einem Personenkreis, der irgendwie nicht in das Weltbild der Bürger passt?

Julian: Ja, das ist wohl eine Hilfsbezeichnung. Insofern ist jeder anders. Vielleicht sind die „Dörfler“ nicht so normgerecht. Aber das ist eher so, dass wir damit klar kommen müssen, nicht sie. Sie müssen nicht in Schubladen passen; aber wer will das schon.

Wie hat sich das Zusammenleben in Ihrer frühen Kindheit auf dem Lehenhof gestaltet und entwickelt?

Julian: Es war so, dass unsere Eltern viel gearbeitet haben und dementsprechend nicht eine dauernde Beaufsichtigung da war. Wir waren früh selbstständig und haben die Freiheit genossen; wussten aber, dass jemand da ist. Und das ist natürlich sehr besonders, was man irgendwann zu schätzen weiß.

Raffael: Ich habe erst spät festgestellt, dass meine Eltern überhaupt arbeiten. Wir waren immer dabei und haben viel gespielt. Es ließ sich wohl gut unter einen Hut bringen mit der Kindererziehung. Auch die „Dörfler“ haben an uns eine gewisse Erziehungsarbeit geleistet. Und wir haben von den „Dörflern“ und Mitarbeitern von Anfang an sehr viel Liebe und Zuneigung erfahren.

Haben Ihre Eltern Ihnen „Hilfestellung“ und/oder Erklärungen zu der Situation gegeben?

Julian: Nein, ich glaube nie. Es war relativ schnell klar, wie die Situation ist. Was man bei manchen „Dörflern“ beachten muss und was nicht. Wir haben ja ab 13, 14 Jahren gelegentlich Abendessen für die „Dörfler“ gemacht. Das war selbstverständlich. Die „Dörfler“ kannten uns und waren vertraut mit uns und mussten auch keine Grenzen ausloten, wie bei Praktikanten. Dass wussten sie und wussten wir. Wir haben nie einen „Einführungskurs“ bekommen.

Gab es Situationen, in denen Sie sich überfordert gefühlt haben?

Julian: Nein, eher mit der Pubertät unserer Brüder. Es gab höchstens mal die Situation, dass man mal keine Lust hatte. Wenn einer krank war, musste man einfach helfen, aber auch das war eine Selbstverständlichkeit.

Raffael: Es gab auch immer Rückzugsmöglichkeiten. Wir konnten frei entscheiden. Aber ein Rückzugsbedürfnis hatte ich nie.

Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben?

Raffael: Wunderschön behütet. Ich würde sie anderen Menschen auch so wünschen. Ich habe viel davon profitiert und werde auch künftig davon profitieren.

Julian Dem stimme ich voll und ganz zu.

[…] Sehen Sie für sich persönlich und Ihre Entwicklung das Aufwachsen auf dem Lehenhof als Vorteil oder als Privileg?

Raffael und Julian: Als Privileg.

Julian: Die Möglichkeit und Selbstverständlichkeit, anderen Menschen mit Toleranz zu begegnen. Es ist einfach ein Geschenk, dass wir so erzogen wurden, dass jeder Mensch seine Stärken und Schwächen hat.

[…] Könnten Sie sich vorstellen, eine Familie zu gründen und Ihre Kinder ebenfalls in einem inklusiven Umfeld aufwachsen zu sehen?

Raffael und Julian: Ja.

(aus: Südkurier, 06.10.2014)

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Gillian Withrington, eine Mitarbeiterin des Lehenhofs, „betont, der Lehenhof muss in seiner Gesamtheit gesehen werden, das bedeutet, man darf die Einrichtung nicht ausschließlich als Behindertenhilfe ansehen. Vielmehr geht es darum, dass die Besonderheit jedes einzelnen Menschen wertgeschätzt wird. Der Beitrag jedes Einzelnen ist wichtig für das Ganze. Und gerade im zwischenmenschlichen Bereich haben die Dörfler ihre ganz besonderen Stärken und diese entwickeln sich gerade in einem Umfeld, das losgelöst ist vom enormen Druck der Leistungsgesellschaft. Die Grundlagen für die Entwicklung der ‚Dörfler‘ zu selbstbewussten Persönlichkeiten ist nicht das karitative Element, sondern insbesondere das familiäre Zusammenleben in den Wohngemeinschaften mit Angestellten, die regelmäßige Arbeit in den Werkstätten, der Landwirtschaft und der Gärtnerei sowie die kulturellen Veranstaltungen“. (aus: Südkurier Nr. 232, 8.10.2014)

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Während der ersten öffentlichen Führung am Lehenhof im Jubiläumsjahr „‚outete‘ sich ein Besucher. ‚Ich habe von Dezember 1952 bis 1958 hier meine Kindheit verbracht‘, sagte der 67-jährige Hans-Jürgen Häring. Sein Vater sei Diplom-Landwirt gewesen und von einem Chemie-Konzern als Verwalter des Lehenhof eingesetzt; es sei eine Residenz für Führungskräfte gewesen. Was in der Zeit zwischen 1958 und 1964, als die Camphill-Bewegung den Hof erworben hat, geschehen sei, wisse er nicht. Er könne sich jedoch nicht vorstellen, dass der Hof in dieser Zeit völlig verwahrlost ist, zumal sich namhafte Unternehmen wie der Axel-Springer-Verlag oder Dr. Oetker für den Hof interessiert hätten. Seit seinem Auszug aus dem Lehenhof sei Häring jetzt vier Mal zum Wandern hier gewesen und zeigte sich glücklich über die Besichtigungsmöglichkeit. ‚Früher und heute, das sind zwei völlig getrennte Welten‘, schloss Häring.“ (aus: Südkurier Nr. 237, 14.10.2014).



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